Programm

Programm 2017-05-24T12:05:26+00:00

Marienschule Bielefeld – eine katholische Schule mit ökumenischem Profil

Bindung an Tradition
Lernort des Glaubens
Konfessionelles Profil – ökumenischer Geist
Schulseelsorge
Handlungsfelder pädagogischen Engagements

Erziehung und Bildung an der Marienschule

Bestimmung der pädagogischen Linien
Wertevermittlung
Felder pädagogischen Handelns
Der Bildungsdiskurs
Bildungsverständnis an der Marienschule

Um ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag erfüllen zu können, bedarf jede Schule programmatischer Perspektiven und Entscheidungen, die in ihrer Umsetzung im Schulalltag ihr spezifisches Profil prägen. Im folgenden Auszug aus ihrem Schulprogramm gibt die Marienschule Auskunft über die Ziele, an denen sich ihre Arbeit orientiert. Diese allgemeinen Zielsetzungen werden im Prozess der Schulprogrammarbeit jeweils im Hinblick auf Lernziele, Unterrichtsinhalte und Arbeitsweisen in den Lehrplänen der einzelnen Unterrichtsfächer konkretisiert. Gleichzeitig wird in ihnen der Anspruch deutlich, dem sich die Erziehungs- und Bildungsarbeit an der Marienschule als einer kirchlichen Schule unterstellt und an dem der Schulalltag immer wieder kritisch überprüft werden muss.

Die Marienschule der Ursulinen – eine kirchliche Schule

Die Marienschule der Ursulinen ist ein staatlich anerkanntes Gymnasium für Mädchen und Jungen. Ihr Träger ist der Convent der Ursulinen zu Breslau in Bielefeld. Nach Flucht und Vertreibung aus Breslau gründeten Schwestern des Ursulinenordens 1946 die Marienschule, die zunächst im ehemaligen Klostergebäude am Klosterplatz in Bielefeld untergebracht war und seit 1953 im Ortsteil Schildesche beheimatet ist.

1. Bindung an Tradition – Engagement für Gegenwart und Zukunft

Die Marienschule ist offen für alle, die für ihre Kinder bzw. sich selbst eine Vermittlung von Erziehung und Bildung in einem christlichen Horizont wünschen und sich darum bemühen, ihr persönliches Leben und soziales Handeln aus christlicher Glaubensüberzeugung heraus zu gestalten. Sie bindet sich an die von Angela Merici, der Gründerin des Ursulinenordens, proklamierte Leitvorstellung, jungen Menschen eine Bildung und Erziehung im Sinne des Evangeliums zuteil werden zu lassen, die sich in gleicher Weise der Bewahrung des Bewährten und der Offenheit gegenüber den Erfordernissen und Nöten der jeweiligen Zeit verpflichtet weiß. Durch Bildung und Erziehung sollen junge Menschen befähigt werden, Verantwortung für die Gestaltung ihres eigenen Lebens zu übernehmen, Orientierung für ihr soziales Handeln zu gewinnen und so als kritische und solidarische Zeitgenossen ihren Platz in Gesellschaft und Kirche zu finden. Diesen Erziehungsauftrag sieht die Schule in ihrer Bindung an Evangelium und Tradition begründet. Gleichzeitig will sie als kirchliche Schule ihren Beitrag zur Gestaltung einer humanen Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft zu leisten. Das Bemühen um Bildung und Erziehung sowie die Gestaltung des Schullebens erwächst für die Marienschule aus einer spirituellen Grundhaltung, die sich als öffentlich und gesellschaftlich verantwortete Artikulation von Glauben, Hoffnung und Liebe im Geiste Jesu Christi begreift. In ihrem Bestreben, die vielfältigen Prozesse von Bildung und Erziehung aus christlichem Horizont heraus zu gestalten, begibt sich die Marienschule unter einen Anspruch, der seine Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft im Schulleben in der Erfahrung christlichen Glaubens, Hoffens und Liebens als verbindlicher Norm menschlichen Miteinanders zu erweisen hat und vor dem somit die Gestaltung des Schulalltags kritisch reflektiert werden muss. Eine Schule in kirchlicher Trägerschaft kann sich den Herausforderungen der aktuellen geschichtlichen Situation, in deren Bedingungen sie ihre Arbeit leistet, nicht entziehen. Die tiefgreifenden globalen gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen unserer Tage machen eine Verständigung über verbindliche humane Wertsetzungen notwendiger denn je. Die Marienschule ist sich ihrer Verpflichtung bewusst, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an diesem Diskurs zu beteiligen, indem sie den Gehalt christlicher Glaubensüberlieferung als Quelle lebensbestimmender und handlungsleitender Perspektiven für den Einzelnen und die Gesellschaft zur Geltung zu bringen hilft.

2. Kirchliche Schule – Lernort des Glaubens

Das Profil und Programm einer katholischen Schule tragen der Erfahrung Rechnung, dass die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in deutlich geringerem Maße als noch vor wenigen Jahrzehnten Bezüge zu kirchlichen Kontexten erkennen lässt. Erfahrungen mit religiös – kirchlicher Sozialisation können auch bei Schülerinnen und Schülern einer kirchlichen Schule nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden. Ohne in Konkurrenz zu den katechetischen Bemühungen der Pfarrgemeinden der Schülerinnen und Schüler treten zu wollen, sieht die Marienschule eine wichtige religionspädagogische Aufgabe darin, das Schulleben so zu gestalten, dass die Erfahrung von Gemeinschaft im Glauben möglich wird. Sie versteht sich in diesem Sinne auch als Lernort des Glaubens, an dem Erwachsene, Kinder und Jugendliche sich als Gefährten auf dem Weg zum Christsein erleben und nicht zuletzt durch das gemeinsame Bemühen verbunden sind, ihr religiöses und kirchliches Engagement in ihnen gemäßen Formen zum Ausdruck zu bringen. Die Marienschule versucht auf diese Weise ihren Beitrag dazu zu leisten, dass spirituelle Bedürfnisse und die lebensweltliche Orientierungssuche junger Menschen sich nicht völlig vom Erfahrungsraum „Kirche“ abkoppeln.

3. Konfessionelles Profil – ökumenischer Geist

Die Marienschule weiß sich der Tradition der katholischen Schule – insbesondere in der Trägerschaft kirchlicher Orden – verpflichtet und gewinnt aus der Verbindung mit anderen Schulen im Rahmen des Weltprojektes „kirchliche Schule“ Impulse für ihre Bildungs- und Erziehungsarbeit. In gleicher Weise nimmt sie die in unserer geschichtlichen Situation unverzichtbare ökumenische Offenheit und Weite ernst. Sie ist davon überzeugt, dass die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen unserer Tage auch künftig eine gemeinsame Herausforderung an die christlichen Kirchen darstellen werden, der nur in ökumenischer Verbundenheit begegnet werden kann. Der konfessionelle Religionsunterricht für die katholischen wie die evangelischen Schülerinnen und Schüler hat die Aufgabe, zur religiös – kirchlichen Identitätsbildung der Schülerinnen und Schüler angesichts der historisch gewachsenen unterschiedlichen Profilierung christlichen Bekenntnisses beizutragen. Aus der Überzeugung, dass die Anforderungen der Gegenwart und Zukunft nur in der Wahrnehmung gemeinsamer christlicher Verantwortung bestanden werden können, gewinnt die Marienschule ihre Inspiration, entschlossen und phantasievoll Erfahrungsräume zu erkunden und zu gestalten, in denen christliche Einheit in versöhnter Verschiedenheit erlebt und gemeinsam die Übernahme von sozialer Verantwortung eingeübt werden können.

4. Schulseelsorge: Gestaltungsprinzip des Schullebens

Die Schulseelsorge in der Marienschule ist fundamentales Gestaltungsprinzip des Schullebens und prägendes Element einer humanen und solidarischen Schulkultur. Insbesondere verfolgt das schulseelsorgliche Engagement die folgenden Zielperspektiven:

a) Humanisierung des Schullebens

Die Marienschule will ein Lern- und Lebensraum sein, in dem der Geist der Freiheit und der Liebe des Evangeliums lebendig ist. Konkret muss das Ausdruck finden in einem gewalt- und angstfreien Miteinander von Lehrenden und Lernenden, das eine Atmosphäre von gegenseitiger Achtung und Akzeptanz intendiert.

b) Stärkung und Begleitung von Schülerinnen und Schülern

Durch die schulseelsorgliche Fundierung pädagogischen Handelns zählt es zu den vordringlichsten Aufgaben der Lehrenden, den Prozess der Identitätsbildung der Schülerinnen und Schüler in möglichst enger Zusammenarbeit mit den Eltern stabilisierend zu begleiten. Dazu bedarf es der individuellen Beratung in Konfliktsituationen sowie institutionalisierter Angebote zur persönlichen Orientierung. Grundlegend ist in diesem Zusammenhang das pädagogische Bemühen, den Schülerinnen und Schülern im schulischen Kontext die Erfahrung vorbehaltlosen Angenommenseins zu vermitteln, unabhängig von Lernerfolg und Leistungsvermögen. Auf diese Weise erscheint es möglich, die Widerständigkeit der Schülerinnen und Schüler gegenüber lebensfeindlichen Tendenzen unserer Gesellschaft zu stärken.

c) Sensibilisierung für die Botschaft des Evangeliums

Kriterium für den Erfolg der Erziehungs- und Bildungsbemühungen einer katholischen Schule ist, inwieweit es gelingt, die Schülerinnen und Schüler für die transzendente Dimension der Wirklichkeit zu sensibilisieren. Dazu braucht es im Rahmen von Schule Erlebnis- und Erfahrungsräume, die den jungen Menschen ein günstiges Klima zum Glauben- und Lebenlernen bieten und sie motivieren, die eigene Lebenspraxis vom Geist des Evangeliums inspirieren zu lassen. Insbesondere die Begegnung mit der Lebenswirklichkeit gesellschaftlich an den Rand gedrängter Menschen eröffnet den Schülerinnen und Schülern einen konkreten Einblick in die Realität jesuanischer Nachfolge. Herausgefordert zu solidarischem Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entwickeln sie auf diese Weise zugleich eine kritische Distanz gegenüber den modernen „Götzen“ unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft.

5. Handlungsfelder schulseelsorglichen Engagements

Die Verwirklichung dieser Vision einer humanen, solidarischen und vom Evangelium inspirierten Schulkultur erfordert das schulseelsorgliche Engagement möglichst vieler. In folgenden Bereichen bzw. Formen des Schullebens tritt die Schulseelsorge in besonderer Weise hervor:

a) Konfessioneller Religionsunterricht

Der Religionsunterricht hat neben den in den Richtlinien und Lehrplänen formulierten allgemeinen Unterrichts- und Erziehungszielen den fachspezifischen Auftrag, die Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens im Schülerhorizont zu verankern. Die Auseinandersetzung mit Glaubenstraditionen und – wirklichkeiten soll die Schülerinnen und Schüler zu „verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion, Glaube“ und Gesellschaft motivieren, sie zu einer „persönlichen Entscheidung in Auseinandersetzung mit Konfessionen und Religionen, mit Weltanschauungen und Ideologien“ befähigen und bei ihnen Verständnis und Toleranz gegenüber den Entscheidungen anderer fördern. Die Zielformulierungen lassen den anthropologischen Ansatz des Religionsunterrichtes erkennen. Didaktisch grundlegend ist das Korrelationsprinzip, das eine wechselseitige Durchdringung von konkreten Schülererfahrungen und kirchlichen Glaubensanschauungen anstrebt und die geschichtliche Offenbarung Gottes in Jesus Christus für die Schülerinnen und Schüler existenziell verstehbar zu machen sucht.

Aus den thematischen Schwerpunkten wird deutlich, dass der Religionsunterricht zwar keine Funktion der Schulseelsorge ist, ihm aber dennoch im Fächerkanon eine besondere „pastorale Qualität“ zukommt.

Als Folge des fortschreitenden Säkularisierungsprozesses ist auch bei Schülerinnen und Schülern der Marienschule eine wachsende religiöse Sprachunfähigkeit auszumachen. Der Erwerb einer elementaren religiösen Sprachkompetenz wird deshalb zu den vordringlichen Aufgaben des Religionsunterrichtes gehören müssen. Er bildet die Voraussetzung, um im Rahmen des Religionsunterrichtes für die transzendente Dimension von Wirklichkeit sensibilisieren zu können und Verstehenszugänge zu zentralen christlichen Glaubensgehalten (biblischen Texten, Glaubensbekenntnissen, Gebeten, Mythen, etc.) zu eröffnen.

Der Religionsunterricht wird an der Marienschule in allen Jahrgansstufen konfessionell differenziert erteilt. Damit wird der historischen und theologischen Tatsache Rechnung getragen, dass das Christentum bis heute in seinen historisch gewachsenen Konfessionen existiert, die in Familie und Gemeinde die jeweilige Lebenswirklichkeit der Gläubigen prägen. Durch fächerverbindende Unterrichtsthemen und Projekte sowie die Kooperation der Fachschaften und Fachkonferenzen für Evangelische und Katholische Religion wird auf der Ebene des Religionsunterrichtes die ökumenische Praxis an der Marienschule realisiert.

b) Eucharistiefeiern und ökumenische Gottesdienste

Eucharistiefeiern und ökumenische Wortgottesdienste prägen und strukturieren das Schulleben der Marienschule. Sie bedeuten eine wertvolle Ritualisierung und orientieren sich am Rhythmus des Kirchenjahres. Für die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe finden wöchentliche Gottesdienste statt. Für die Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe besteht ein altersspezifisches Gottesdienstangebot im vierzehntägigen Turnus.

Daneben besitzen Gottesdienste zu besonderen Anlässen einen zentralen Ort im Schulleben. Am Gedenktag der hl. Angela Merici, zum Aschermittwoch, zur Entlassung der Abiturienten, zur Einschulung der neuen 5. Klassen, zum Beginn bzw. Ende des Schuljahres, am Reformationstag und zur Hinführung auf das Weihnachtsfest erleben sich Schüler, Eltern und Lehrer durch die gemeinsame Gottesdienstteilnahme als Schulgemeinde.

Die Gottesdienstkultur an der Marienschule umfasst schließlich das tägliche Morgengebet in allen Lerngruppen, „Frühschichten“ in der Fastenzeit, die von Oberstufenschülerinnen und – schülern gestaltet werden, und politische Abendgebete zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Anlässen. Außerdem wird der zentrale Bielefelder Gedenkgottesdienst am 27. Januar (Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus) traditionell von Lehrer/-innen und Schüler/-innen der Marienschule vorbereitet. Durch regelmäßige schulische Eucharistiefeiern und Wortgottesdienste erfahren Schüler wie Lehrer die Zuwendung Gottes und aktualisieren die „gefährliche Erinnerung“ (J.B. Metz) an das befreiende Heilswirken Jesu von Nazareth. Als symbolische Verdichtungen der zentralen christlichen Glaubensaussagen ermöglichen Gottesdienste gemeinschaftliche und ganzheitliche spirituelle Erfahrungen. Durch Worte und Gesten, Zeichen und Riten geschieht im Rahmen der Liturgie eine Einübung in elementare menschliche und christliche Grundhaltungen. Um die Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme zu motivieren, bemühen sich die Religionslehrerinnen und -lehrer – oftmals in Zusammenarbeit mit Lerngruppen oder einzelnen Schüler/-innen – um eine schülernahe und zeitgemäße thematische und musikalische Gestaltung der Gottesdienste.

c) Tage religiöser Orientierung

Tage religiöser Orientierung werden für die Schülerinnen und Schüler des 7., 10. und 12. Jahrgangs durchgeführt. Sie gehören zu den tragenden Säulen des schulseelsorglichen Konzeptes der Marienschule. In der ehemaligen Zisterzienserabtei Hardehausen, der Jugendbildungsstätte des Erzbistums Paderborn, erhalten die Schülerinnen und Schüler für jeweils drei Tage die Gelegenheit, Fragen der persönlichen Lebensorientierung, der Lebensgestaltung und Sinnsuche zu thematisieren. Durch die altersgemäße schüler- und handlungsorientierte Gestaltung dieser „Auszeiten“ werden den Schülerinnen und Schülern neben Anregungen zur eigenen Persönlichkeitsentfaltung und Orientierung auch Gemeinschaftserfahrungen ermöglicht, die helfen, ein Ethos sozialer Sensibilität anzubahnen bzw. zu vertiefen. Darüber hinaus sollen den Teilnehmer/-innen spirituelle Erfahrungsräume eröffnet werden, in denen – frei von den alltäglichen schulischen Belastungen und Anforderungen – die Suche nach der eigenen Mitte möglich wird. Stille- und Konzentrationsübungen, Meditationen und Phantasiereisen, Atem- und Körperentspannungstechniken sind Hinführungen zu einer Kultur des Schweigens und der inneren Sammlung, in der die Sehnsucht, „dass es im Leben mehr als alles geben muss“ (Maurice Sendak), wachsen kann.

d) Die „Compassion“ – Initiative

„Compassion“ ist ein durchgängiges Unterrichtsprinzip sozialen Lernens, das sich bereits an einer Reihe von katholischen Schulen etabliert hat und auch in der Marienschule praktiziert wird. Es soll den Schülerinnen und Schülern helfen, eine Haltung von Solidarität und „Mitleidenschaftlichkeit“ (J.B. Metz) gegenüber den Leidenden und Schwachen in unserer Gesellschaft auszubilden und einzuüben. Durch Unterrichtsreihen in den einzelnen Fächern, durch fächerübergreifende Projekte sowie durch ein zweiwöchiges Sozialpraktikum in der Oberstufe werden die Schülerinnen und Schüler mit der konkreten Situation gesellschaftlich Marginalisierter konfrontiert, für deren Probleme sensibilisiert und zu einer Haltung aktiver Mitmenschlichkeit motiviert. Auf diese Weise kann es gelingen, bei den Schülerinnen und Schülern milieubedingte Blindheiten bewusst zu machen und sie zu moralisch verantwortlichem Handeln anzuleiten.

In theologischer Perspektive erinnert „Compassion“ an Anspruch und Würde des Leidens im Horizont vergangener und gegenwärtiger menschlicher Leidensgeschichte. Durch die Kontrastierung von biblisch verheißener Gottesgerechtigkeit und der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, die vielfach durch Ungleichheit und Ungerechtigkeit gekennzeichnet sind, entfaltet der „Compassion“-Gedanke ein eminent gesellschaftskritisches Potenzial, das Schülerinnen und Schüler stärkt, den destruktiven Strömungen des gegenwärtigen Zeitgeistes – etwa zunehmendem Individualismus und einseitiger Konsum- und Leistungsorientierung – zu widerstehen. So verstanden ist „Compassion“ praktische Einübung in kritische und solidarische Zeitgenossenschaft.

Erziehung und Bildung an der Marienschule

Als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, ob im Klassenverband der Sekundarstufe I oder im Kursgefüge der Sekundarstufe II – auf allen Stufen ihrer Schullaufbahn und ihrer Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung bedürfen Schülerinnen und Schüler nach fester Überzeugung der Marienschule einer altersgemäßen, vor allem aber verlässlichen und konsequenten Begleitung durch Elternhaus und Schule.

1. Bestimmung der pädagogischen Linien

Die Marienschule bemüht sich in der Bestimmung der pädagogischen Linien und ihrer Umsetzung bei den grundsätzlichen wie den alltäglichen schulischen Konflikt- und Entscheidungssituationen durchgängig um ein enges Zusammenwirken mit den Eltern – im begründeten Vertrauen darauf, dass die Entscheidung für die Marienschule die Bereitschaft der Eltern beinhaltet, auch die pädagogischen Prinzipien einer kirchlichen Schule mitzutragen und mitzugestalten.

Umgekehrt sollen Eltern – ob in gelebter Ehe- und Familienpartnerschaft, ob in der Situation von Alleinerziehenden – darauf vertrauen können, dass ihre familiär-erzieherischen Bemühungen, Probleme und Sorgen auch von der Schule angenommen und mitgetragen werden. Daher wissen wir, dass „Erziehung“ als solche – zumal eine im Christentum gründende – sich oft geradezu zu rechtfertigen, jedenfalls anderen pädagogischen Konzepten gegenüber zu behaupten hat und sich nicht mehr innerhalb eines allgemeingültigen Normen- und Wertekontextes vollzieht, sondern verortet und verantwortet werden muss unter vielnamigen gesellschaftlichen Bedingungen (u.a. „Konsum- ; Leistungs-; Medien-; Zweidrittel-; Spaß-; Single-; Ellenbogen – Gesellschaft“), vor dem Hintergrund tiefgreifender sozialer und familialer Umbrüche und innerhalb eines weitreichenden, vielfach divergierenden Wertepluralismus.

Desto notwendiger erscheint demnach – will man nicht das „Ende der Erziehung“ als gesellschaftliches und pädagogisches Prinzip akzeptieren – ein „Mut zur Erziehung“ und somit ein Zusammenwirken von Eltern und Lehrerinnen und Lehrern, sei es um des wechselseitigen Korrektivs willen, sei es, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu ermuntern.

2. Wertevermittlung

Dass Erziehung nur gelingen kann, wenn ihre Grundsätze und Forderungen durch glaubhafte Persönlichkeiten vorgelebt werden, ist seit jeher eine (Binsen-) Wahrheit, die heutzutage umso mehr gilt, als die überkommenen gesellschaftlichen Institutionen der Wertevermittlung, zur Aneignung von Kulturwissen und zur Einübung sozialen Handelns (wie die Kirchen, Schule, aber auch Parteien, Gewerkschaften, Vereine) keine allgemeine Akzeptanz mehr erfahren, ihnen überdies konkurrierende oder konterkarierende Instanzen der direkten wie indirekten Wertevermittlung gegenüberstehen. Diese „heimlichen Erzieher“ finden sich in bestimmten Medien-Segmenten, in den schnell wechselnden Szene-Kulturen und Submilieus. Dadurch steht schulisches wie elterliches erzieherisches Bemühen oft in der Gefahr, zu einem nahezu „privaten“ Unterfangen zu werden – ohne Einbettung in einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Jugendliche von heute empfinden demgemäss an sie herangetragene (Erziehungs-) Ansprüche oft als inselhafte Dominanzversuche, denen sie weithin skeptisch, ja ablehnend begegnen und deren Verbindlichkeit sie eher situativ annehmen oder eben ablehnen.

Mithin gilt es für Elternhaus und Schule, in diesen lebensentscheidenden Jahren die Kinder und Jugendlichen einerseits uneingeschränkt ernst zu nehmen und zu begreifen, dass ihnen von der Gesellschaft hier ein weiter, von ihnen vielfach als grenzenlos empfundener Erlebnis-, Erfahrungs- und Entscheidungsraum eröffnet ist, der ihnen Freiheit und Freiheiten ermöglicht. Andererseits muss man sehen, dass den Kindern und Jugendlichen damit auch Entscheidungen verschiedenster Art geradezu aufgenötigt werden, denen sie weithin hilflos gegenüberstehen, oft in einer Vereinzelung, die viele Facetten aufweist; z. B. lebt eine wachsende Zahl Jugendlicher ohne Geschwister, ohne weitere Verwandtschaft, mit wechselnden Elternteilen, oft mit geringen Gesprächsmöglichkeiten und – einheiten in der Familie, in zunehmender kultureller und religiöser Sprachlosigkeit, mit einer unkritischen Medien- und Freizeitkonsumhaltung.

Hier ist eine Erziehung (heraus-)gefordert, die sich kritisch auf diese Freiheit(en) verheißenden Erlebnisangebote einstellt, aber zugleich das natürliche Freiheitsbedürfnis der Schülerinnen und Schüler und ihr Recht auf eine sich in Freiheit und Selbstverantwortung vollziehende Persönlichkeitsentwicklung respektiert. Dies zu leisten erfordert eine pädagogische Grundhaltung, bei der die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder und Jugendlichen immer erfahren lassen, dass sie ihnen zugewandt sind und aufgeschlossen begegnen.

3. Felder pädagogischen Handelns

Auf den Feldern der alltäglichen und (schul-)pädagogischen Herausforderung – etwa beim Umweltverhalten, bei Achtung oder Missachtung fremden Eigentums, bei Fragen des Umgangs mit Suchtmitteln, beim Verhalten gegenüber Menschen der älteren Generation oder Menschen anderer Kulturen und Religionen, bei Fragen des sozialen Zusammenlebens und der Verletzung der Würde Anderer, beim Problem der Gewalt (auch durch Sprache), bei Fragen der Sexualität usw.- bemüht sich die Marienschule um eine Balance zwischen Geduld und Konsequenz, zwischen Zuspruch und Widerspruch, wobei folgende Prinzipien und Ziele das pädagogische Handeln leiten:

Mündigkeit und Selbständigkeit erlernen und einüben
die eigenen Persönlichkeit unter Wahrung des Sinns für das Leben in einer Gruppe ausbilden: teilen können, warten können, zuhören können, mitdenken können, abgeben können
Regeln begründen, einüben und einhalten
Konsequenzen, erkennen und überschauen
Pflichten und Verbindlichkeiten akzeptieren und übernehmen lernen
Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber übernehmen
Kritikfähigkeit lernen
Mut zum Widerspruch entwickeln, Widerstandskraft ausbilden lernen
gesellschaftliche Spannungsfelder wahrnehmen und analysieren
Bereitschaft zum Dialog der Generationen entwickeln
Schwächere achten und sich für sie einsetzen
Compassion als soziale Fähigkeit zum Mitleidenkönnen entwickeln

Erziehung und Bildung sind in der Schule eng miteinander verknüpft; die pädagogischen Grundsätze verweisen in ihrem Werte- und Normenbezug immer auf einen bestimmten Bildungsbegriff – im Falle der Marienschule auf ein Bildungsverständnis im Horizont des christlichen Glaubens und der Botschaft des Evangeliums.

4. Der Bildungsdiskurs

Inhalt und Umfang, Legitimation und Implikationen des Bildungsbegriffs waren in der öffentlichen Debatte längere Zeit einer skeptischen Beurteilung ausgesetzt. Seit einigen Jahren – bundesweit angestoßen durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – sind eine Neubesinnung auf den Bildungsbegriff und dessen wachsende Wertschätzung unverkennbar: das Wort von der Bildungsoffensive prägt seitdem weithin den gesellschaftlichen Diskurs.

Diese Offensive lässt sich u.a. durch folgende Forderungen charakterisieren: Mehr lernen, anders lernen, sich orientieren können in der Flut des Wissens, das richtige Wissen zur Lösung konkreter Aufgaben auswählen können und Freude am Lernen finden! Im Zusammenhang „zukunftsfähiger Bildung in der Wissensgesellschaft“ stellt der Diskurs die Funktion von Bildung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung heraus, fordert höhere Qualifikationen und andere Qualifikationen wie Methoden-, Bewertungs- und Gestaltungskompetenz, um Wissen zu erschließen und anzuwenden. Darüber hinaus wird „Bildung von morgen“ hohe Anforderungen an Eigenverantwortung und Gemeinschaftsfähigkeit stellen und zudem Kreativität, Innovationsfähigkeit und eine klare Orientierung im Wandel verlangen.

5. Bildungsverständnis der Marienschule

Zukunftsfähige Bildung beruht zunächst auf solidem Fachwissen, und sie braucht Neugier, Offenheit und eine Inspirationskraft, die Engführungen aufbricht und Vernetzungen schafft – z. B. durch fachübergreifendes und fächerverbindendes Arbeiten, durch umfassende Fremdsprachenförderung und durch einen produktiven, dabei kritischen Umgang mit den neuen Medien.

Die Förderung individueller Begabungen bei unseren Schülerinnen und Schülern kennzeichnet unseren Leistungsbegriff. Freilich kann an einer katholischen Schule Leistung nicht das alleinige Prinzip sein: Die selbstverständliche Akzeptanz besonderer Anstrengung und Begabung muss in der Schule ebenso eingeübt werden wie die genauso selbstverständliche Hilfe für die weniger leistungsstarken Schülerinnen und Schüler.

Die Marienschule will Bildung vermitteln als Auseinandersetzung auf der Höhe der Zeit mit dem, was unsere Kultur geprägt und getragen hat und sie weiter tragen kann. Bildung schließt heute selbstverständlich eine Dimension der Multikulturalität mit ein: die Integration von Schülern und Schülerinnen, die als Spätaussiedler das Leben an der Marienschule mitgestaltet haben und mitgestalten, verweist auf die Ursprünge der Marienschule, die aus ihrer schlesischen Herkunft die Verpflichtung ableitet, sich vor allem den osteuropäischen Ländern zuzuwenden. Eine weite Auseinandersetzung mit verschiedenen kulturellen Kontexten scheint am ehesten geeignet, eine Instrumentalisierung oder gar Mechanisierung von Bildungswissen zu verhindern. Das Lehren und Lernen soll vielmehr von dem Prinzip bestimmt sein, Bildungswissen für alle Sinndimensionen transparent zu machen – ein Prinzip, welches an einer katholischen Schule in einem Menschenbild gründet, das durch die christliche Botschaft bestimmt ist. Soziale Bildung als Auseinandersetzung mit dem Menschen, mit seinen Möglichkeiten und Grenzen, mit seiner Umwelt und mit seinen Wertsetzungen schließt somit auch für alle am Schulleben Beteiligten die Auseinandersetzung mit Gott, mit Religionen und das Bemühen um die Entwicklung einer religiösen Identität ein.

Die Marienschule will mithelfen, eine Schülerpersönlichkeit zu entwickeln, die vielseitig orientiert ist, selbständig denken und urteilen kann, Offenheit für die genuin religiöse Dimension entfaltet, zu solidarischem Handeln bereit ist und Gesellschaft und kirchliches Leben ideenreich und verantwortungsbewusst mitgestaltet.

Bildungsverständnis im Horizont des christlichen Glaubens bedeutet an der Marienschule schließlich auch „Wertorientierung“. Daher bemühen sich alle am Schulleben Beteiligten um eine „Ge-wissens-bildung“: Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Solidarität und Offenheit sind Elemente einer ethischen Bildung. Der Einübung einer christlichen Werthaltung dient das pädagogische Bemühen. Sie muss im Schulalltag glaubwürdig erfahrbar werden und die Schulkultur prägen. Diesem Bildungsanliegen dienen u.a. alle Schulpartnerschaften der Marienschule, alle Solidaritätsaktionen und vor allem das „Compassion“-Programm.