In memoriam Schwester Carola

Stationen ihres Lebens:
- 17.6. 1932 geboren in Gabersdorf (Gfschft, Glatz-Schlesien) als ältestes von 6 Kindern in einer Bauernfamilie; getauft auf den Namen Magdalena
- 21.2. 1946 binnen 20 min. Vertreibung der Familie Richtung Westen
- 4.3. 1946 Ankunft in Detmold, Verteilung der Flüchtlingsfamilien; während der Flucht Geburt des jüngsten Bruders
- 3.3.1953 Abitur am Gymnasium Paulinum Detmold
- 25.4. 1953 Eintritt in Bielefeld in den aus Breslau vertriebenen Ursulinenkonvent
- 18.11.1953 Einkleidung als Ordensschwester S. Carola
- 1956 – 61 Studium an der Uni Münster (Latein, Geschichte, Osteurop. Geschichte, Philosophie)
- 1962 – 64 Referendariat in Werl und Dortmund
- 1964 – 2003 Lehrerin an der Marienschule für Latein,Geschichte, später auch Politik und Pädagogik
- 1969 – 2003 Schulleiterin der Marienschule (nach dem plötzlichen Tod der Vorgängerin)
- 1971 – 1975 Delegierte bei der Gemeinsamen Synode der dt. Bistümer in Würzburg
- 1998 – 2013 und 2016 – 2025 Oberin des Konvents
- 2004 offizielle Übergabe der Schulleitung an Günter Kunert (Schulleiter bis 2024)
- 2009 Errichtung der Stiftung „Marienschule der Ursulinen“
- 14.12. 2025 verstorben nach längerem Leiden im Kloster der Ursulinen
von S.Carola ausgehende oder mit Tatkraft unterstützte längerfristige Initiativen:
- 1982 Hilfe für die Ursulinen in Posznan/Posen nach versch. Hochwasserschäden
- 1990 Begründung der Schulpartnerschaft mit der Schule Nr. 14 in Velikij Novgorod
- ab 1990 Mitinitiatorin der Ökumenischen Hilfe für Novgorod und Mitorganisatorin der Lebensmitteltransporte der Marienschule für die Schülerinnen und Schüler der Partnerschule in Novgorod sowie Hilfe für Menschen in Sibiu /Hermannstadt (Rumänien)
- 1993 Unterstützung für die Baumpflanz- und Aufforstaktion des Jüdischen Nationalfonds KKL in Israel („Wald der Marienschule“)
- 1995 – 1998 Stipendium für Schüler oder Schülerinen des Pädagogicums in Hermannstadt für einen mehrwochigen Lernaufenthalt an der Marienschule
- 2000 Begründung der Schulpartnerschaft mit dem Stanislaw-Kostka-Lyzeum in Lublin (Polen) und danach mehrfach Stipendium für Schüler und Schülerinnen des Lyzeums für einen mehrwochigen Lernaufenthalt an der Marienschule
Offizielle Ehrungen für S. Carola:
- 2004 Ehrenmedaille des Stadtpräsidenten von Lublin
- 2006 Bundesverdienstkreuz
- 2015 Ehrennadel der Stadt Bielefeld
Predigt von Weihbischof em. Heinz-Günter Bongartz (Abitur 1975 an der Marienschule), Hildesheim, beim Seelenamt für + Schwester Carola Kahler OSU
Liebe Sr. Andrea,
liebe Angehörige von Schwester Carola,
liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder.
1972 habe ich Schwester Carola zum ersten Mal kennengelernt.
Ich stand kurz vor meiner mittleren Reife. Und ich hatte für mich entschieden, dass ich Lehrer werden wollte. Also musste ich ein Gymnasium finden, bei dem ich Aufnahme fand. Damals war es von der Landesschulbehörde gefordert, dass man dafür die letzten vier Zeugnisse vorlegen musste. Der Notendurchschnitt musste ein bestimmtes Level haben.
Nun war es so, dass ich am Beginn des 9. Schuljahres noch keine gymnasialen Bestrebungen hatte. Entsprechend waren die Noten. Die Versetzung von der achten in die neunte Klasse hatte soeben geklappt.
So saß ich dann mit meinen Eltern im Sprechzimmer vor Sr. Carola. Sie schaute sich die Zeugnisse an, stellte Fragen, die ich heute nicht mehr weiß und nahm dann das Gespräch mit meinen Eltern auf.
Ich wurde unruhig. Schließlich traute ich mich zu fragen: „Werden Sie mich nehmen?“
Ihre Antwort: „Warum denn nicht?“
Ihre Antwort habe ich nicht vergessen und seitdem ist mir dieses Wort in der Begegnung mit den Menschen besonders wichtig.
„Warum denn nicht?“ „Warum soll ich denn nicht an dich glauben?!“
Schwester Carola glaubte an den Menschen. Sie glaubte an die Schülerinnen und Schüler. Mit ihrer pädagogischen Klugheit, mit ihrer Geradlinigkeit und mit Ihrer Menschenkenntnis tat sie alles, um Menschen zu zeigen, dass sie ihnen glaubte, an ihre Fähigkeiten und Begabungen glaubte.
Im ersten Semester des 11. Schuljahres hatte ich dann gleich bei Sr. Carola Philosophie. „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ Mit dieser Weisheit von Sokrates hatte sie begonnen.
Dabei war ich unheimlich beeindruckt, wie viel Sr. Carola wusste. Sie verstand es, schwierige philosophische Gedanken für das Heute interessant zu machen. Darin war sie politisch, kritisch, besonnen, konstruktiv. Sie forderte uns im Denken heraus. Sie machte deutlich, dass man ohne Vernunft in dieser Welt nicht bestehen konnte.
Zum ersten Mal erlebte ich eine Ordensschwester, die für den christlichen Glauben einstand und fromm war, zugleich aber auch mit den weltlichen Dingen vertraut war und sich mit ihnen kritisch auseinandersetzte.
Wie gesagt: 1972 habe ich auf die Marienschule gewechselt. Sr. Carola war damals seit zwei Jahren die Rektorin der Schule.
Sie baute die Schule um. Führte die differenzierte Oberstufe ein, nach dem unser Jahrgang als erster Jahrgang Abitur machte.
Es war das große Anliegen von Schwester Carola, Bildung nicht als eine Ideologie zu verstehen, sondern als Lebenshilfe.
Es waren seinerzeit turbulente Zeiten. Der 68er Geist war überall in unseren Kursen präsent. Lernen mit Beurteilung wurde kritisch hinterfragt. Menschliche Abstürze blieben nicht aus.
Ich habe erlebt, wie Schwester Carola niemanden in unserem Jahrgang hängen ließ, der oder die auf eine schiefe Bahn zu geraten drohte. Sie widmete sich jeden Einzelnen. Sie sprach ungeschminkt und klar die Probleme an. Doch niemals vergaß sie das: „Warum nicht?“
Warum nicht noch einmal eine Chance geben. Warum nicht an das Gute im Menschen glauben? Warum nicht noch einmal etwas investieren? Warum nicht dem Betroffen zutrauen, dass er sich verändern kann?
Schwester Carola war nicht nur intellektuell begabt, außergewöhnlich belesen und selbstbewusst, sie war in all ihrer pädagogischen Fähigkeit und Flexibilität vor allem Christin und Ordensfrau. Spätesten hier im sozialen und menschlichen Einsatz an den Schülern und Schülerinnen zeigte sie, mit welcher Kraft der Glaube an Jesus Christus auf das Gute im Menschen setzt. In diesem Sinne bedeutete für Sr. Carola Bildung auch immer Erziehung.
In dieser Haltung schaute sie auch immer über den Tellerrand. Ihre Vorliebe zu Osteuropa trug sie in die Schulgemeinschaft ein. Hilfe und Partnerschaften mit Posen in Polen, Nowgorod in Russland, Hermannnstadt in Siebenbürgen und vielen anderen Kontakten nahmen viele Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrinnen mit in eine Weltverantwortung, die man nicht nur durch Schulbücher erwerben kann.
Vor einigen Jahren habe ich Schwester Carola zu einem Symposion nach Hildesheim eingeladen. Im Rahmen des Synodalen Weges haben wir mit unterschiedlichen Teilnehmern über die Zukunft der Kirche gesprochen.
Es sei daran erinnert: Schwester Carola gehörte zu Synodalgemeinschaft in den sechziger Jahren, in der die Deutsche Kirche die Weichenstellung des 2. Vatikanischen Konzils auf unser Land übertragen wollte.
Schwester Carola suchte nach einer menschlichen Kirche. Klerikalismus war ihr fremd. Kirche sollte unter den Menschen sein. Bildung und Erziehung gestaltete sich für sie nur unter dem Anspruch der christlichen Freiheit. Zwang war ihr zuwider, doch Disziplin, Verantwortung und Verlässlichkeit gehörten zu ihrer Tugend.
Mit diesem Hintergrund nahm sie an unserem Symposium teil, in der es um Wege in die Zukunft der Kirche ging.
Und dann sprach sie mit dem breiten Spektrum ihrer Persönlichkeit von der Situation ihrer Ordensgemeinschaft. Sie bekannte, dass der Orden der Ursulinen in einer sich veränderten Zeit keine Zukunft mehr hatte. Sie erzählte, was es bedeute, dass sie nur noch vier Schwestern im Konvent waren. Doch an keiner Stelle ihrer Ausführungen war dabei etwas Depressives spürbar. Vielmehr habe ich ihr Wort nicht vergessen: „Ich bin sicher und glaube fest, dass nichts von dem, was wir Schwestern in der Schule gelebt haben, verloren geht. Unsere Schule bleibt weiter ein Kirchort und so eine Gemeinschaft, in der der christliche Glaube gelebt wird.“
Mit dieser Weitsicht hat sie unter Beteilung vieler Eltern, Lehrer und Lehrerinnen die Schulstiftung gegründet, die nunmehr im Geist der hl. Angela Merici und ich darf hinzufügen, im Geist von Schwester Carola, Bildung und Erziehung für junge Menschen anbietet.
Schwester Carola war eine fromme Ordensschwester. Sie lebte die gefährliche Erinnerung an Jesus Christus, als bewundernswerte Pädagogin, als entscheidungsfähige Organisatorin, als selbstbewusste Frau, als selbstkritische Gläubige, die wusste, dass sie manches Mal mit klaren Entscheidungen autoritär wirkte.
Ich habe Sie in den letzten Monaten, seitdem ich wusste, wie altersschwach sie war, begleitet.
An dieser Stelle möchte ich besonders Ihnen, liebe Schwester Andrea, danken, dass Sie so liebevoll und treu den Weg von Schwester Carola begleitet haben.
Es waren schwere, ganz schwere Monate. All ihr umfassendes Wissen, ja selbst die eigene Selbstgewissheit im Glauben gerieten ins Wanken. Aber dann betete Sie: „Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, erbarme dich meiner!“ Sie betete es immer wieder. In aller Gottesohnmacht hat sie Gott nicht losgelassen. Sie glaubte, was Sie als Botschaft auf ihren Totenzettel als biblisches Wort uns hinterlassen hat.
„Er befiehlt seinen Engeln dich zu behüten auf all deinen Wegen!“ (Ps 91)
Ach ja, da war noch etwas. Bei meinem vorletzten Besuch fragte sie mich: „Heinz-Günter, ich weiß doch so viel, ich weiß doch so viel. Was passiert denn mit meinem Wissen, wenn ich sterbe!“
Ich habe geantwortet: „Das wenige, was da noch fehlt, wird der liebe Gott vollenden.“
Daran glaube ich. Und darum bin ich dankbar, dass ich im Himmel nun eine Fürsprecherin mehr habe.
Dort wird sie mit Maria beten: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, denn er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut.“
Spende im Gedenken an Schwester Carola Kahler OSU
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen der Schulstiftung der Marienschule der Ursulinen danke ich Ihnen herzlich für Ihre großzügige Spende, die Sie uns im Gedenken an Schwester Carola OSU zukommen ließen.
Der hohe Spendenbetrag zeigt, wie bedeutsam Schwester Carola für viele Menschen gewesen ist.
Die Schulstiftung kann den Wunsch der Schulleitung aufnehmen und mit dem Spendenaufkommen die Neugestaltung des Unterrichtsraums „Turm“, den viele Ehemalige noch kennen, beginnen. Auch der Raum der Bigband kann eine Erneuerung gebrauchen.
Wir sind sicher, somit im Sinne Schwester Carolas zu handeln.
Wenn Sie uns weiterhin in der Unterhaltung der Schule und in der wichtigen pädagogischen Arbeit unterstützen wollen, freuen wir uns über einmalige oder regelmäßige Spenden.
Für Spenden über 300,00€ senden wir Ihnen gerne eine Spendenquittung zu.
Mit herzlichem Gruß
Barbara Erdmeier (Stiftungsvorstand)
Konto-Nummer der Schulstiftung:
Kontoinhaber: Stiftung Marienschule der Ursulinen
IBAN: DE17 3706 0193 1051 2310 11
BIC: GENODED1PAX
Pax-Bank für Kirche und Caritas
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