„Nur der deutsche Volksgenosse gehört in unsere Tischgemeinschaft!“ (Nazi-Anweisung zu den Zwangsarbeitern) – 24. Gedenkgottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Aus diesem Anlass veranstaltete und gestaltete die Marienschule (bereits zum 24. Mal) einen Gedenkgottesdienst in der St. Jodokus-Kirche. Der Gottesdienst, der im Wesentlichen vom pensionierten Geschichtslehrer Manfred Sewekow vorbereitet wurde, stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Nur der deutsche Volksgenosse gehört in unsere Tischgemeinschaft!“ (Nazi-Anweisung zu den Zwangsarbeitern) – 80 Jahre nach den „Polen-Erlassen“ von 1940.

Schulleiter Günter Kunert begrüßte in einer kurzen Ansprache die zahlreichen Besucher und betonte, dass bei einer solchen Gedenkveranstaltung auch die politisch-gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart einzubeziehen seien. Anschließend trugen Schüler des Geschichts-Leistungskurses Q2 von Frau Hornjak wichtige Fakten zur Situation (vor allen Dingen polnischer) Zwangsarbeiter in Bielefeld und persönliche Erinnerungen der polnischen Zwangsarbeiterin Irena Wielgat vor. Diese wurde mit nur 15 Jahren im März 1941 aus Lodz nach Deutschland verschleppt und in Bielefeld Brackwede in der Spinnerei „Vorwärts“ zur Zwangsarbeit eingesetzt. In eindringlichen Worten schildert Wielgat ihre Verzweiflung und Not in dieser Zeit. Einzig ein Kruzifix, das ihr von einer unbekannten Frau beim Abtransport geschenkt wurde, habe ihr Trost und Zuversicht gespendet.

In der anschließenden Ansprache erläuterte Herr Sewekow zunächst die verschiedenen Formen von Zwangsarbeit, die für die Kriegsmaschinerie der Nationalsozialisten unverzichtbar geworden war, und skizzierte den harten Alltag von Zwangsarbeitern. Danach ging er speziell auf die zahlreichen Zwangsarbeiter ein, die es auch in Bielefeld gab und die in ca. 250-300 Lagern im Bielefelder Stadtgebiet untergebracht waren.  In der Folge vermittelte Herr Sewekow einen Überblick über die äußerst verzögerte und schleppende Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Recht und Politik der Nachkriegszeit. Erst im Jahre 2000 habe mit Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, deren Ziel es ist, ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes zu entschädigen und internationale Projekte zur Versöhnung zu fördern, einen Durchbruch in dieser Aufarbeitung gegeben. In seinen Schlussworten schlug Herr Sewekow eine Brücke zu gegenwärtigen politischen Krisenherden und appellierte an die Besucher: „Wir müssen hinschauen. Ohne Hinschauen gibt es kein Bewusstsein, ohne Bewusstsein gibt es keine Veränderung.“

Musikalisch begleitet wurde der Gottesdienst vom Vokalensemble (darunter auch viele ehemalige Schüler!) unter Leitung von Herrn Kunert. Dem Vokalensemble, Frau Hornjak und dem Leistungskurs Geschichte sowie insbesondere Herrn Sewekow herzlichen Dank für die Vorbereitung und Gestaltung dieses Gottesdienstes, der ein so wichtiger Bestandteil der Erinnerungs- und Gedenkkultur an der Marienschule ist!